Wiebke Hoogklimmer, Altistin und Musiktheaterregisseurin - Contralto and Director - Musiktheaterregie


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Zigeunerbesserung und Zigeunerromantik

Vor 200 Jahren - in vorrevolutionärer Zeit - ballten sich Ereignisse, die der Geschichte der Zigeuner in Europa eine neue Richtung gaben. Wie fast immer in der Geschichte dieser Nomaden wissen wir dabei mehr über die herrschende Mehrheitskultur und ihren Umgang mit den Zigeunern als über die Reaktionen und Gefühle der Nomaden. Nur durch den Schleier der Dokumente, die Schreiber und Politik hinterlassen haben, kann man die verdeckte Wirklichkeit der Lebensumstände der Zigeuner erahnen.

1773 erschien Goethes Götz von Berlichingen. Im fünften Akt - Götz von Berlichingen ist auf der Flucht - gibt es eine Szene, die überschrieben ist: "Nacht, im wilden Wald. Zigeunerlager." Das Drama ist ein epochemachendes Ereignis in der deutschen Dichtung, und die Zigeunerszene darin darf man wohl als den Beginn der Zigeunerromantik ansehen. (Der Urgötz von 1771 rahmt die Zigeunerszene übrigens ausgiebig mit magischen Sprüchen alter Zigeunerinnen ein.) Der Zigeunerhauptmann rettet den verwundeten Götz, reicht ihm sein Feiertagswams, läßt ihn verbinden, schützt ihn vor Verfolgern und verliert am Ende dabei sein Leben. Der Zigeuner tritt hier also auf in der Gestalt des "edlen Wilden" - einer Figur, die sonst gern mit Indianern und anderen "Eingeborenen" verknüpft wird. Götz von Berlichingen jedenfalls ruft in dieser Szene aus: "O Kaiser! Kaiser! Räuber beschützen deine Kinder. Die wilden Kerls, starr und treu."

Ein Klischee von der Hand des deutschen Genies? Wenn hier Räuber und Zigeuner gleichgesetzt werden, so liegt das in der Tradition dessen, was man schon vielfach lesen konnte. In der Tat dürften seit dem 30jährigen Krieg Gruppen von Außenseitern, darunter auch Zigeuner, in die Wälder geflohen sein, um von dort aus Seßhafte und Besitzende zu überfallen. Wer sich in den Wäldern aufhielt, bekam wechselweise den Stempel "Räuber" oder "Zigeuner". Zwischen der ethnischen Gruppe und den sozialen Außenseitern wurde kaum ein Unterschied gemacht. Bei Goethe wird die Gruppe, auf die Götz trifft, dennoch als eine ethnisch besondere Gruppe beschrieben, mit einer eigentümlichen Kultur, die nicht nur die sozialer Außenseiter ist. Der Zigeunerhauptmann wird wie ein Robin Hood gezeichnet, der als Verfolgter die Verfolgten schützt.

Wenige Jahre später erschien 1786 Heinrich M. Grellmanns Historischer Versuch über die Zigeuner. Es ist das erste größere Werk über Zigeuner, das neueren wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht zu werden versucht. Es setzt einen Markstein, der im Anschluß an andere Arbeiten die These vertritt, die Zigeuner kämen ursprünglich aus Indien. Dies versucht Grellmann vor allem linguistisch dadurch zu belegen, daß die Sprache der Zigeuner im Kern Sanskrit sei. Grellmann formuliert die neue, aufgeklärte Sicht des Zigeuners: Er ist nicht der Barbar, der auszurotten oder zu vertreiben ist, sondern ein zwar primitives, aber menschliches Wesen, das gebessert, erzogen und zivilisiert werden muß. "Längst würde er aufgehört haben negerartig zu seyn, wenn er aufgehört hätte, zigeunerisch zu leben."

Eine aus heutiger Sicht krause Mischung aus Vorurteil und wissenschaftlicher Argumentation kennzeichnet Grellmanns Werk. Aber die Zeit, in der sie mit einem Mal zu erziehungsbedürftigen Mängelwesen erklärt wurden, brachte für die Zigeuner eine Wende. Hinfort hieß die Devise nicht mehr Schafott und Galeere, sondern Schule, Kirche, Arbeit, Seßhaftigkeit. Es stimmt melancholisch, ist aber gerade typisch für den abendländischen inneren Kolonialisierungszwang: In dem Augenblick, in dem die kulturelle Eigenständigkeit der Zigeuner wissenschaftlich erkannt wurde (sie sprechen eine indische Sprache, sie haben eigene Lebens- und Kulturformen), wurde diese eigene Kultur auch sofort als primitiv abgetan. Sie galt als Vorstufe der Zivilisation. Grellmann - der hier für viele andere steht - legte fest, daß die Zigeuner primitive Nomaden aus Indien wären, und übergab sie den Pfarrern und Lehrern zur Zivilisierung. Diese kulturelle Arroganz, mit der in den folgenden Jahrhunderten die zigeunerische Lebensweise immer wieder als barbarisch gekennzeichnet wurde, diente dazu, jede kulturvernichtende Gewalttat gegen Zigeuner zu rechtfertigen: Die aufgeklärte Besserungswut der Grellmanns lief schließlich doch wieder auf die Bluttat hinaus. Das Schlagwort, unter dem in den nächsten Jahrhunderten Zigeunerpolitik gemacht wurde, hieß Seßhaftmachung: Kaum verhüllt erkennt man, daß sich die seßhafte Kultur Europas vehement und hysterisch mit allen Instrumenten der Disziplinierung gegen die kümmerlichen Reste der nomadischen europäischen Kultur zur Wehr setzte. Mehr und mehr hat sie verstanden, diesen Angriff auf das zigeunerisch-nomadische Leben als Wohltat zu maskieren, dies gilt bis in unsere Tage, in denen der Haß der Seßhaften auf die anderen oft mit dem Lockwort 'Integration' arbeitet und tatsächlich eine nur mühsam verdeckte Assimilation betreibt.

Goethe und Grellmann: Die Zigeunerromantik und die Zigeunerbesserung traten fast gleichzeitig auf den Plan und bestanden künftig nebeneinander: Die Zigeuner einerseits als Projektion für bürgerliche Aufbruchssehnsüchte, andererseits als Missionsobjekt, das notfalls mit Zwang und Gewalt dem Glück der 'Zivilisierung' zu unterwerfen ist. Goethe und Grellmann markieren den Umschwung auf der intellektuellen Szene: Hier begann einerseits ein Strom zigeunerromantischer Kunst (von Puschkin bis Bizets Oper Carmen), andererseits die Zigeunerwissenschaft (vorzüglich ein Gebiet von Hobbywissenschaftlern und Kriminalisten) mit jeweils Tausenden von Werken.

Wohnen und Reisen

Seit der Romantik ist Reisen das Element zigeunerischer Kultur, das in den Augen der Nicht-Zigeuner als Synonym für Zigeuner erscheint. Die Frage an die Nomaden; "Woher kommt ihr?" wandelte Bürgersehnsucht in "Wohin geht ihr?" Nikolaus Lenau schildert in seinem Gedicht von den drei Zigeunern die verzehrende Sehnsucht des Seßhaften nach der Freiheit des Reisens.
Lenau vertauscht die Perspektiven in seinem Gedicht: Hier zieht der Sprecher vorbei, die Zigeuner verweilen am Ort. Und doch erkennt er das Nomadentum als eine der seinen entgegengesetzte Lebensweise. Aus der Distanz scheint die Ungebundenheit von bürgerlichen Zwängen, zu denen auch die regionale Festlegung gehört, das augenfälligste Unterscheidungsmerkmal zwischen Zigeunern und Nicht-Zigeunern zu sein.

(aus: Reimer Gronemeyer, Georgia A. Rakelmann: Die Zigeuner. Reisende in Europa, 1988)     [zurück]


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